Wieso sollte man sich so etwas freiwillig antun? Jeden Tag ca. 30 Kilometer laufen und dabei auch noch singen und beten?
Zugegeben kurz vor Antritt der Wallfahrt hatte ich noch einem guten Bekannten von mir gestanden, dass mein Fitnesslevel dem eines Faultiers entspräche, das wiederbelebt werden muss. Und wenn ich Wetten hätte abschließen müssen, ob ich das Ziel erreiche, hätte ich ganz bestimmt gegen mich gesetzt. Ich war schon immer die Sorte Mensch, für die sportliche Herausforderungen eher etwas sind, was man sich gemütlich vom Sofa aus im Fernsehen anschaut.
Aber die Wallfahrt nach Werl habe ich auch nicht nur als eine sportliche Herausforderung angesehen. In diesem Fall hätte mein innerer Schweinehund oder das Faultier in mir, mich nur müde gähnend ausgelacht und abgewunken. Mein Antrieb mitzugehen, lag ganz woanders. Ich wollte einfach wissen, was es ist, dass das Pilgern so besonders macht; dass sich jedes Jahr aufs neue diese vielen Menschen freiwillig auf einen nicht gerade kurzen Weg begeben und sich dabei Wind und Wetter aussetzen; dass diese Menschen Muskelkater in Kauf nehmen und eventuell Blasen an den Füßen. Im Vorfeld hatte ich mit verschiedenen erfahrenen Wallfahrern gesprochen, um mir ein Bild davon zu machen, was für mich im Bereich des Möglichen läge, sodass ich mich beim ersten Mal nicht überfordern und mir somit nicht selbst die Freude am Pilgern nehmen würde.
Dabei war die einhellige Meinung, dass es so unheimlich bereichernd sei, wenn man am Ende der Wallfahrt die Stufen zum Vorhof der Basilika hinaufsteigen und in selbige gemeinsam einziehen kann. Diesen Moment wollte ich keinesfalls vermissen und richtete die Länge meiner persönlichen Tagesstrecken auf ca. 20 bis 25 Kilometer aus. Für einen untrainierten Menschen noch herausfordernd genug. Dass ich diesen Erfahrungsbericht hier nun einreichen durfte, zeigt Euch Lesern, dass ich die Wette verloren hätte, weil ich das Ziel trotz meiner anfänglichen Selbstzweifel, trotz meiner Unsportlichkeit und trotz meines miserablen Fitnesslevels erreicht habe.
Das lag vor allem daran, dass ich meine Kraft aus ganz anderen Quellen bezog: ganz wichtig zu nennen, ist hier die Gemeinschaft! Das gemeinsame auf dem Weg sein – einem gemeinsamen Ziel entgegen – lässt einen Flügel und über sich selbst hinauswachsen. Ganz genauso wie das gemeinsame Beten und Singen! Ja, ganz richtig gelesen! Diese Form der Andacht hatte sehr meditative Züge an sich und bewirkte, dass die Kilometer nur so dahinschmolzen. Eine sehr abwechslungsreiche Landschaft, die vielen unterhaltsamen Gespräche, die erfrischenden längeren Pausen oder auch nur die kurzen Getränkestopps waren ebenfalls gute Möglichkeiten, um Kraft zu tanken.
Was mir außerordentlich gut gefallen hat, ist, dass sich alle Wallfahrer untereinander duzten, und dass man mit allen möglichen Personen ins Gespräch kam und die interessantesten Geschichten zu hören bekam. Man sorgte füreinander und gab aufeinander Acht. Das gemeinsame Unterwegssein ließ einen tatsächlich zu einer Weggemeinschaft zusammenwachsen, die über die Zeit der Wallfahrt hinausgeht.
Die wohl wichtigste Erkenntnis, die ich aus der Wallfahrt für mich ziehen konnte, war, dass man als einzelner Mensch noch so fest und stark im Glauben verwurzelt sein kann; es ist viel schöner, lebendiger, bunter, bekräftigender und fröhlicher, wenn man seinen Glauben in der Gemeinschaft leben kann.
Der Moment, in dem man am Ziel seiner Pilgerreise ankam und so herzlich, freudig und freundlich willkommen geheißen wurde, entlohnte den Wallfahrer für all seine Entbehrungen und Anstrengungen. Das offizielle Empfangskomitee aus Fahnen tragenden MessdienerInnen, angeführt von unserem ehemaligen Pfarrer und jetzigen Wallfahrtsleiter Pastor Bernd Haase, gab uns schon einen euphorischen Vorgeschmack auf das, was uns auf dem Vorplatz der Basilika noch erwarten würde. Ein Gefühl, das Dämme brechen und das Herzen vor Freude überschäumen ließ! Ein tiefes Gefühl von Dankbarkeit und auch etwas Stolz, das einen überflutete, als die wartende Menge uns mit Beifall und Jubelrufen willkommen hieß.
Und wer glaubt, dass dies schon das Hochgefühl aller Emotionen der Wallfahrt war, sollte sich darauf gefasst machen, dass an diesem Wochenende, an dem die äußerlichen Feierlichkeiten der Heimsuchung Mariens in Werl zelebriert wurden, ein Highlight das andere jagte. Ganz ähnlich einem wunderschönen Feuerwerk löste sich ein beeindruckendes Erlebnis mit dem nächsten unvergesslichen Augenblick ab.
Mit allen Wallfahrtsgruppen aus sieben verschiedenen Orten nicht nur zu den feierlichen Gottesdiensten, sondern auch zum geselligen Plausch bei Kaffee und kalten Getränken (besonders empfehlenswert sei hier das Pilgerbier für die Hopfenliebhaber erwähnt) unter freien Himmel im wunderschön angelegten Klostergarten zusammen zu kommen, ließ die Atmosphäre eines Sommerfestivals entstehen. Und wenn man dann auch noch erlebte, wieviel Freude diese Feierlichkeiten selbst bei Kardinal Marx auslösten, der sich kurzerhand als Kapellmeister einbrachte und die Altessener Blaskapelle dirigierte, spürte man, dass Freude eine äußerst ansteckende Emotion ist.
Dennoch fand man zwischendurch auch immer wieder die Möglichkeit zur Andacht und Ruhe und konnte sich an stille Orte zum Gebet oder zum Nachdenken zurückziehen, wie zum Beispiel in den Klostergarten, die Krypta oder vor das Gnadenbild der Madonna.
Die Wallfahrt und die Feierlichkeiten liegen bereits über einen Monat zurück und noch immer ertappe ich mich dabei, dem ein oder anderem Erlebnis nachzusinnen und in die Atmosphäre und Gefühlsstimmung besonders schöner Augenblicke einzutauchen.
Die Wallfahrt war für mich ein großes Geschenk! Eine Erfahrung, die mein Leben bereichert hat und mir gezeigt hat, dass man mit der richtigen Motivation über sich selbst hinauswachsen und in seinen Glauben auf eine andere Art und Weise tiefer hineinwachsen kann.
Vielleicht seid Ihr ja nun auch etwas neugierig geworden und möchtet herausfinden, was eine Wallfahrt mit und aus Euch machen kann? Ich würde mich freuen, Euch im nächsten Jahr als unsere neuen Weggefährten begrüßen zu dürfen!
Erfahrungen von Dagmar Thöle. Sie ist Teil des Wallfahrtteams